Stellungnahme zur Interpretation der Ergebnisse der Senatsverwaltung für Finanzen aus der Erhebung zur zeitlichen Nutzung der Kitas

Jeder, der Familie hat weiß, das 2 min Zähneputzen und 3 min Anziehen nur ganz selten 5 min dauern. Der Landeselternausschuss Kindertagesstätten in Berlin ist von den Schlussfolgerungen zur Erhebung der zeitlichen Nutzung der Kitas verblüfft. Die Interpretationen der Senatsverwaltung für Finanzen sind mathematisch zwar möglich, aber im Leben nicht machbar.Ganztägig abwesende Kinder
Die Untersuchung fand während der Sommermonate statt. Konkret waren es die mittleren Wochen im Juni (KW 25 und 26) und eine mittlere Woche im August (KW 29) während der Ferien. Die Untersuchung ergab während dieser Zeit eine durchschnittliche Abwesenheit von rund 20%, wobei die Abwesenheit in der ersten Ferienwoche der Sommerferien bei den untersuchten Kitas bei ca. 38% lag. Diese Zahlen sind aus Elternsicht nahezu logisch. Familien ohne Schulkinder fahren nicht in der Hauptreisezeit in den Urlaub. Das Verreisen in der Vor- oder Nebensaison schont den Geldbeutel und die Nerven. Leider können Familien mit Schulkindern nicht auf günstigere Urlaubszeiten ausweichen und so ist erklärbar, warum die Abwesenheit in der ersten Ferienwoche ansteigt. Hinzu kommt, dass Familien natürlich jede arbeitstechnisch entstehende freie Minute in mehr gemeinsame Familienzeit investieren. Ein spontan eingeschobener freier Tag zwischen den Schichtdiensten und eine geringe Arbeitsbelastung ermöglichen Nicht-Schulkindern freie Tage an jedem Tag des Jahres nehmen zu können. Außerdem sind bei der Befragung stets nur abwesende Kinder erfasst worden, aber nie abwesende Erzieher_innen oder andere Gründe für einen eingeschränkten oder geschlossenen Betrieb. Neben der Krankheit der Kinder, gab es nur die Eingewöhnung oder Urlaub (Sonstiges) als Ankreuzmöglichkeit. Die Personalversammlung eines großen Trägers, die genau in die Erhebungszeit fiel, waren nach der Erhebung demnach im Urlaub (Sonstiges) befindliche Kinder. Die Fehlzeiten von Kindern sind in der Personalschlüsselberechnung und damit in der Platzfinanzierung bereits enthalten. Dieser Punkt wurde in der Berechnung der Senatsverwaltung für Finanzen – soweit von uns erkennbar – nicht berücksichtigt.

Anwesende Kinder mit Unternutzung des Kita-Gutscheines
Die Untersuchung zeigt weiterhin auf, dass Gutscheine in der Halbtagsbetreuung (4-5h) teilweise überschritten und in der erweiterten Ganztagsbetreuung (über 9 Stunden) teilweise unterschritten werden. Auch den Gutscheinen für Teilzeit (5-7h und Ganztag 7-9h) gibt es Unterschiede in der zeitlichen Nutzung. Diese „Abweichungen“ bilden die Lebensrealitäten von Familien ab und zeigen wie wichtig die flexiblen Betreuungsgutscheine sind. In der Arbeitsmarktpolitik wird vom Ende des Normalarbeitsverhältnisses, von mehr Flexibilisierung, unnormal gelagerte Arbeitszeiten und der Ausweitung von Feiertags-, Nacht- und Wochenenddiensten gesprochen. In der Bildungs- und Familienpolitik kann es also nicht verwundern, das es den täglich gleich getakteten Familienmenschen gar nicht geben kann. Die Flexibilität bei den Gutscheinen einzuschränken heißt auch, Familien in die letzten verbliebenen Normalarbeitsverhältnisse pressen zu wollen. Das ist an der Arbeitsmarktrealität vorbei gedacht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Minutenprotokoll aus den engen Arrangements aller am Gesamtprotokoll beteiligten Protagonist_innen. Eine Familienpolitik, die an den Arbeits- und Berufswegezeiten und den unterschiedlichen Anforderungen vorbei denkt, drängt Familien aus dem Arbeitsmarkt.

Wer also eine Übernutzung als Einsparpotenzial sieht, sieht nicht die Bedürfnisse von Familien und Kin-dern, sondern nur seinen Haushalt.

Warum kommt es beispielsweise zur Übernutzung des kleinen Gutscheins?
Familien mit einem kleinen Gutschein sollen nach Möglichkeit zum pädagogischen Qualitätsfenster – meistens Morgenkreis genannt – natürlich bereits anwesend sein. Erfüllen sie diesen nachvollziehbaren Wunsch allerdings, so bleibt ihnen täglich nur die Entscheidung entweder ein müdes Kind nach dem Mittagessen abzuholen, um die zur Verfügung gestellte Betreuungszeit einzuhalten. Das müde Kind ist in der Regel aber auch nörgelig und anstrengend, denn es will nur schlafen und nicht nach Hause gehen müssen. Sie werden also auf die Idee kommen, es auch in der Kita schlafen zu lassen. Schläft sich das Kind allerdings aus, so ist eine Überziehung des Betreuungszeitraumes aber vorprogrammiert. Familien sind also täglich gezwungen entweder den Vertrag oder einen gesunden Tagesablauf des Kindes zu stören.
Wer zum Wohle des Kindes handeln möchte, der sollte diesen kleinen Gutschein ausweiten auf einen Betreuungsumfang von mind. 6 Stunden.

Praktische Umsetzung für die Belegung der theoretisch freien Plätze
Die Senatsverwaltung für Finanzen kommt in ihrer Berechnung zu dem Schluss, dass es rund 24.900 ungenutzte Kita-Plätze gibt, die Kinder teilweise ganztägig abwesend sind oder die Kita-Plätze nicht vollumfänglich genutzt werden. Statt einer flexiblen Kinderbetreuung, die sich auf die Bedarfe der Familien ausgerichtet ist, braucht es für die ungenutzten Kita-Plätze also flexible Kinder.

Diese flexiblen Kinder würden heute einen freien Platz in Kita A, morgen in Kita B und übermorgen in Kita C belegen. Eltern würden ihre Kinder zu einer zentralen Sammelstelle bringen und Kitas melden an diese Sammelstelle die freien Plätze täglich aktuell. Die flexiblen Kinder würden dann zu den freien Plätzen gebracht und deren Eltern anschließend darüber informiert, aus welcher Kita in welchem Bezirk sie ihre Kinder nach welcher Betreuungszeit abholen können.

Wir hoffen, dass niemand diesem Szenario etwas abgewinnen kann.

Die flexiblen Betreuungsumfänge sind notwendig, um Lebens- und Arbeitsrealitäten von Familien auf-fangen zu können. Wir wünschen uns eine Interpretation, die weniger mathematisch und mehr Kinder- und Familienorientiert ist.

3 Antworten auf Stellungnahme zur Interpretation der Ergebnisse der Senatsverwaltung für Finanzen aus der Erhebung zur zeitlichen Nutzung der Kitas

  • Das ist so wahr!

  • Ein weiteres Argument:

    Den Kitas werden heutzutage nicht mehr genug Mittel zur Verfügung gestellt, um eine „richtige“ Vorschule anzubieten, die die Kinder wirklich auf die Schule vorbereitet.
    Die Schulen sind also im ersten Schuljahr intensiv damit beschäftigt, die Vorschule nachzuholen. Den Kindern fehlt also nicht nur das 13te Schuljahr sondern auch das erste. Das führt dazu, dass das Abitur inzwischen nicht mehr zum Studieren befähigt, was wir an den Universitäten extrem stark beobachten.

    Die Probleme im Studium beginnen in der Kita!

    Und da soll noch mehr gespart werden?

  • 2 min Zähne putzen und 3 zum anziehen…klappt wenn ich die Kinder von Erwachenen pflegerisch versorgt werden.In einer Einrichtung die einen Bildungsauftrag hat, klappt teilweise nicht mal in den Vorschulgruppen.Erziehung zum selbständigen/eigenständigen handelnden kleinen lernenden Menschen dauert leider mehr als nur 5 Minuten und mehr als nur 2-3 Tage. Noch schwieriger wird es bei Kindern die einen erhöhten Förderbedarf haben. Ich empfehle den Menschen die zu dieser Rechnung gekommen sind eine Hospitation in einer solchen Einrichtung.Nebenbei angemerkt, flexible Kinder wären Kinder ohne jegliche sozial-emotionale Stabilität und dann bräuchten wir weit aus mehr als nur die paar Kindertherapeuten um deren kleine seelen zusammen zuflicken. Das würde auch bedeuten alle anderen Eltern wären verpflichtet zu einer bestimmten Zeit in der Kita anwesend zu sein, damit die Leitung in der Lage ist eine freie Kitaplatzzahl angeben zu können, das ja die Eltern der flexiblen Kinder auch arbeiten müssen….Wenn das kein gravierender Eingriff ins Familien-und Berufsleben!!! Kinder sind keine Ware!!

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